SOZIALES: Jobs für 500 Havelländer Kreis will Arbeitslose qualifizieren / Wer scheitert, bekommt eine gemeinnützige Aufgabe
HAVELLAND - Runter vom Sofa, raus aus der Krise: Hunderte Havelländer können ab kommendem Jahr in einem neuen Projekt namens „Bürgerarbeit“ beschäftigt werden. Das Integrations- und Leistungszentrums (ILZ) hat dafür ein eigenes Konzept entwickelt und ihm den Namen „Havelland 500“ gegeben. Es ist der regionale Ableger des Programms von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und zunächst auf drei Jahre befristet.
Vordergründiges Ziel der in der vergangenen Woche gestarteten Kampagne ist es, Langzeitsarbeitslose in reguläre Jobs zu vermitteln. „Wir können damit 500 Leuten eine Beschäftigungsperspektive aufzeigen“, sagt Wolfgang Gall, der zuständige Dezernent der Kreisverwaltung. Diese 500 Arbeitslosen werden nach und nach angesprochen oder bekommen Post. Sie sollen zunächst sechs Monate intensiver als sonst vom ILZ betreut, befragt und qualifiziert werden. Aktivierungsphase heißt das im Verwaltungsdeutsch. Schon in dieser Phase, hofft Gall, schaffen rund 150 den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt.
Bleiben 350 Menschen, die nicht so leicht unterzubringen sind. Wer nicht ausreichend qualifiziert werden kann, soll ab Januar gemeinnützige Aufgaben übernehmen – etwa Senioren aus Büchern vorlesen, Grünanlagen pflegen oder Schilder für Touristen aufstellen. Bürgerarbeit eben, von der die Allgemeinheit etwas hat. Für 30 Stunden Arbeit pro Woche bekommt der Bürgerarbeiter monatlich 900 Euro. Das sind pro Stunde rund sieben Euro.
Die Bürgerarbeit ist gedacht für über 50-Jährige, Dauerarbeitslose sowie Leute, die schon eine Aktivierungsphase hinter sich, aber bislang keinen Job gefunden haben. Zudem soll das Projekt auch einigen der rund 1500 Alleinerziehenden im Kreis helfen, wieder in den Beruf zurückzukehren – mit 20 Wochenstunden für 600 Euro. Auch um langfristig Altersarmut zu vermeiden, sagt Gall. Die Kinderbetreuung werde derzeit organisiert. „Niemand soll sagen, ich kann nicht arbeiten, weil keiner auf meine Kinder aufpasst.“
Etwa 12 000 Menschen im Havelland sind auf staatliche Hilfen angewiesen. Davon gelten bis zu 5000 als „erwerbsfähige Hilfebedürftige mit komplexer Profillage“ – zu deutsch: als schwer vermittelbar. Für sie gibt es gefühlte zig Programme. Die Bürgerarbeit ist laut ILZ-Chef Dennis Granzow dennoch etwas Besonderes.
„Ich habe ein hohes Interesse daran, 350 zusätzliche Menschen mit Arbeit zu versorgen“, sagt er. Das Programm entlaste möglicherweise gar den Kreishaushalt. 30 Millionen verteilt der Landkreis pro Jahr für Mietzuschüsse, je mehr Leute eigenes Geld verdienen, desto mehr Zuschüsse können gespart werden.
Vor allem aber hat das Ganze für Granzow einen psychologischen Sinn: „Wenn einer am Ende der Aktivierungsphase trotz intensiver Bemühungen keinen Erfolg hat, kann er trotzdem in eine sichere, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wechseln.“ Und wer nicht direkt aus der Arbeitslosigkeit komme, habe es hinterher bei Bewerbungen leichter.
Damit die Bürgerarbeit keine regulären Jobs verdrängt, müssen die Stellen zusätzlich geschaffen werden. Wo, ist noch nicht ganz klar. Die Träger – etwa Kommunen oder Vereine – müssen von dem Gehalt des Bürgerarbeiters nur 75 Euro pro Monat und Nase selbst zahlen. Für die potenziellen Arbeitgeber wird im ILZ bis kommender Woche ein Schriftstück erarbeitet, aus denen die Anforderungen für die Stellen hervorgehen.
Landrat Burkhard Schröder (SPD) umwirbt derzeit Bürgermeister und Amtsdirektoren und hofft auf Angebote. „Um die Langzeitarbeitslosen muss man sich kümmern. Obwohl sie für viele Tätigkeiten nicht mehr einsetzbar sind“, sagt er. Das sei keine Schelte, sondern Realität. „Wir müssen damit umgehen, dass wir ein paar Tausend Leute haben, denen nur mit neuen Wegen aus ihrer Misere geholfen werden kann, da ist der Staat manchmal am Ende seines Lateins.“ Das Projekt Bürgerarbeit schätzte er aber als hoffnungsvoll ein. „Auch wenn nur 20, 30 auf den Weg kommen, ist etwas gewonnen.“ (Von Jana Einecke) |